Resilienz - Was uns die Neurowissenschaft lehren kann

Aktualisiert: Juni 23

Zeitungen und Zeitschriften bleiben bei mir solange liegen, bis ich die Zeit finde diese zu lesen. So kam es, dass ich letzte Woche in der Ausgabe der Zeit vom 30. Juni 2016 einen sehr interessanten Artikel über das Bombenattentat von Brüssel las: "Brüssel. 22. März 2016". In diesem, wie ich finde, sehr emotionalen Artikel schildern Amrai Coen und Tanja Stelzer das Schicksal einiger Opfer und fragen: "Gibt es ein Leben nach dem Terror?"


Besonders aufmerksam las ich den Abschnitt, welcher mit der Frage begann: "Wie kommt es, dass der eine ein grauenvolles Erlebnis gut verkraftet, der andere nicht?"


Hier wird über den israelischen Psychologen und Neurowissenschaftler Yori Gidron berichtet, der in Kanada und Israel zu dieser Fragestellung geforscht hat. Gidron fand heraus, dass nach einem Verkehrsunfall 20% der Opfer eine posttraumatische Belastungsstörung haben, nach einer Vergewaltigung 45% und nach einem Terrorakt 30%. Dies bedeutet aber auch, dass 70% der Menschen, die einen Terroranschlag erleben, seelisch gesund bleiben und keine Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen. Diese Menschen scheinen über eine besonders stark ausgeprägte Resilienz zu verfügen.


Was ist im Gehirn dieser Menschen anders?


MRT-Tests zeigen, dass die Amygdala, die für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist, bei traumatisierten Menschen besonders aktiv ist, wenn man diese mit Videos oder Geräuschen konfrontiert, die sie an den Terrorakt erinnern. bei resilienten Menschen hingegen sind im Neokortex verstärkte Aktivitäten zu beobachten.

Gidron beschäftigt sich mit der Frage: Wie kann man den Neokortex animieren?


Bekannt ist, dass Bilder eher die Amygdala reizen und Worte eher den Neokortex.


Gidron ließ Unfallopfer ihre Geschichte erzählen. Sprachen die Probanden von Angst oder Panik, intervenierte Gidron mit der Frage: "Warum hatten Sie Angst? Warum waren Sie in Panik?" Er hakte nach und wollte genau wissen, was zuerst geschah. Dabei machte er sich Notizen, um den Probanden anschließend die Geschichte nacherzählen zu können. Hatten die Probanden ihre Geschichte jedoch sehr emotional, aufgeregt und fahrig geschildert, erzählte Gidron die Geschichte bewusst nüchtern, klar und strukturiert nach. Er wählte dazu einen sehr logischen Satzbau, in welchem oft die Worte "weil", "deshalb", "darum" vorkamen. Danach bat Gidron seine Probanden die Geschichte noch einmal auf seine Art und Weise zu schildern. Zudem bat er sie, sie aufzuschreiben.


Die Ergebnisse seiner Methode sind faszinierend. Drei Monate nach einer entsprechenden Therapie hatten Probanden in Israel und Belgien kaum noch posttraumatische Symptome.


Unter Kollegen ist Gidrons Methode aber umstritten. In der Traumatherapie war es lange Zeit üblich, Patienten dazu zu animieren, die traumatische Situation immer und immer wieder zu durchleben.


Durch die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft wissen wir heute, dass Resilienzfähigkeiten von Natur aus im Gehirn vorhanden sind, fest verdrahtet durch die Evolution. Wie gut sich diese Fähigkeiten entwickeln, hängt von unseren Reaktionen auf unsere Lebenserfahrungen ab sowie davon, wie diese Erfahrungen das neuronale Schaltsystem und die Funktionsweise unseres Gehirns prägen. Die Neurowissenschaft ist eine relativ junge Disziplin. Sie lernt stetig dazu. Dennoch spricht einiges dafür, dass eine kognitive Verarbeitung von Stress und das Erkennen von Ursachen helfen kann, ein Trauma zu verarbeiten.


Weitere Infos finden sich hier:

Rhein-Main Universitäten: https://crc1193.de/en/research

https://www.degruyter.com/view/journals/nf/23/2/article-p124.xml?language=de



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